IRENE KEPL

[Aus Respekt für die befragten Musikerinnen und Musiker fragen Sie bitte, falls Sie diese Interviews zitieren oder weiter verwenden wollen, unbedingt bei den Befragten und dem Autor (C.L. HÜBSCH) um Erlaubnis. Vielen Dank für die Solidarität! Viel Vergnügen beim Lesen dieser gerne bereit gestellten Lektüre.]

CLH: „Irene, wann bist du nach Wien gekommen?“

IK: „Vor vier oder fünf Jahren. Vier Jahre sind es genau.“

CLH: „Du lebst also seit vier Jahren in Wien und vorher hast du in Österreich gelebt.“

IK: „In Oberösterreich, genau.“

CLH: „Irene, was sind deine Qualitätsmerkmale für improvisierte Musik?“

IK: [lacht, denkt nach] „Das finde ich schon eine schwierige Frage, weil es kommt drauf an. `Wo möchte ich hin`, `Was kommt tatsächlich raus`, `In welchem Kontext ist es?`. Genau das sind alles Fragen, die sich dazu stellen.“

CLH: „Wenn du improvisierte Musik hörst, was wären dann Kriterien nach dem du die beurteilen würdest?“

IK: „Wenn es einen irgendwie mitträgt oder wenn es mich irgendwie mitnimmt oder etwas resoniert oder ich mich frage, warum geht’s jetzt dorthin und nicht dahin, aber nicht auf aktive Weise sondern es was Aufregendes hat für mich, und natürlich auch sehr persönlich mit mir zusammenhängt, was mich halt gerade interessiert. Und das kann sich durchaus ändern.“

CLH: „Ist das ein Merkmal, was auch für andere Musik gilt oder gibt es da dran etwas, was improvisationsspezifisch ist?“

IK: „Ich finde bei Improvisation ist es spezifisch, weil es einfach sehr fein darum geht, wie agiert man miteinander, wie geht man miteinander um, wie sehr ist man mit sich, wie ist die Klanglichkeit, was für eine Struktur hat es, um was geht es bei genau dieser Improvisation. Und das ist sehr unterschiedlich und das ändert sich für mich sehr. Also nach dem Studium habe ich die Töne gespielt ja, traditionell, also Geige mit Paganini und allem, und ich hab dann also im Nachhinein festgestellt, dass ich mich nach dem Studium erst mal überhaupt nicht für Töne interessiert habe, weil ich etwas anderes finden wollte und es notwendig war, das mal wirklich wegzulassen. Das war mir damals gar nicht so bewusst, erst später habe ich festgestellt, dass das so war und dann interessieren einen andere Sachen. Also mich interessiert es dann auch nicht, wenn andere Geiger jetzt die klassischen Töne spielen. Außer – und da kommt der Andy Schreiber ist Spiel – es ist was drinnen, was Besonderes, was ich vielleicht auch nicht erklären konnte. Der Andy Schreiber hat da durchaus ein Weltbild verändert für mich.“

CLH: „Wer ist das?“

IK: „Ein improvisierender Geiger, der in Linz Jazz und Improvisation unterrichtet.“

CLH: „Du hast bei dem studiert?“

IK: „Ja, ich hab bei ihm studiert. Also ich hatte ursprünglich russische Schule gelernt, auf der Geige und der Andy Schreiber ist ein unglaublich phantasievoller Musiker, der in einem ganz beiläufigen Ton ganz viel Phantasie und Farbe reinlegen kann. Und er hat halt nicht die traditionelle Geigentechnik, sagen wir mal so. Und das hat ganz viel für mich geöffnet, wo ich gemerkt habe: Da ist ganz, ganz viel mehr drinnen als ich überhaupt für möglich gehalten habe. Und solche Momente, glaube ich, sind in zeitgenössischer Musik, vielleicht insgesamt auch im Leben, aber in zeitgenössischer und improvisierter Musik –  essentiell, auch für Richtungen, in die man dann geht oder wo man dann sucht.“

CLH: „In wieweit liegt die Kommunikation oder die Kommunikationsfähigkeit eines Musikers oder einer Musikerin dem Gelingen für improvisierte Musik zugrunde? Gibt es da einen Zusammenhang?“

IK: „Bestimmt. Also ich glaube es gibt sehr verschiedene Kommunikationsarten und das wichtige da dran ist, dass man sich versteht, auch mit anderen Musikerinnen und Musikern. Wenn man jetzt so improvisiert, wie wir reden, erst sagt der eine was, dann sagt der andere was – also das ist irgendwann nicht mehr interessant. Aber Kommunikation im Sinne von Gemeinsam-einen-Klang-finden, wo man nicht sein eigenes Instrument isoliert sieht.         Aber es gibt da ganz verschiedene Zugänge, denke ich. Also das ganz autonome Spielen und das Hören, wie das dann zusammen geht. Ich finde das als Thema immer wieder interessant, also es in Bezug zur Kommunikation zu setzen. Ob man dann sagt, es sind ganz autonome Stimmen, die nix miteinander zu tun haben sollen, die gleichzeitig passieren. Das ist auch eine Beziehung zu Kommunikation, denke ich.“

CLH: „Spielt dabei die Psychologie der einzelnen Spieler oder zwischen den Spielern eine Rolle?“

IK: „Ja, also es kommt natürlich sehr auf die Persönlichkeiten der Leuten drauf an, ob jetzt jemand das sehr braucht, das Kommunizieren, um sich vielleicht auch angenommen zu fühlen. Beim Spielen sind das, ich sage mal Puzzleteile von ganz vielen Ebenen, die rein kommen: Fühlt sich einer wohl und auch willkommen in der Improvisation oder ausgeschlossen; oder wie spüre ich die anderen, wenn ich mein eigenes Ding mache, also es gibt ganz viele Bezüge in der Improvisation.“

CLH: „Wenn du jetzt improvisierst, sollen die Klänge, die du spielst von deinen Mitmusikern eigentlich verstanden werden und wenn ja was wäre denn dann ´verstehen´?“

IK: „Genau! Was ist `verstehen` in dem Sinne? Also man erlebt ja etwas miteinander und etwas miteinander erleben hat vielleicht nicht unbedingt mit verstehen zu tun. Man kann nachher dann sagen, also so und so war es und so habe ich es empfunden oder das hat das mit mir gemacht. Aber während ich das erlebe, passiert ja alles gleichzeitig.“

CLH: „Weißt du beim Spielen, ob eine Improvisation gelingt und wenn ja, woran machst du das fest?“

IK: „Also erstens gibt es das Gefühl `Hab ich mich wohl gefühlt beim Spielen?´ – es gibt halt dann einen Flow, der dann passiert, im Idealfall. Das kann man dann gar nicht so sagen, weil natürlich, wenn man sich hinsetzt und sagt so spielen wir jetzt was, weiß man trotzdem noch nicht, was danach passiert. Und das kommt dann drauf an, wenn man mit Leuten zusammen spielt, die man noch nicht kennt, dann ist das so ein `jeder zeigt sich mal, wie er/sie ist und dann schaut man halt, wie und was machen wir jetzt so miteinander´. Also ich glaube das passiert oft, man findet sich zusammen.        Oder man hat zufälligerweise schon die ähnlichen Themen, die einen beschäftigen beim Musizieren. Dann kommt man schneller zusammen.“

CLH: „Also das Gefühl mit jemanden zusammen gekommen zu sein ist für dich ein Kriterium, dass es gut läuft? Wenn du das Gefühl hast, ihr sendet auf der gleichen Wellenlänge?“

IK: „Ja und wenn man das Gefühl hat, jeder hat die Möglichkeit sich dort auszuleben und einzuleben, vielleicht würde ich das so sagen. Wobei es einfach interessante Momente ergibt, weil, sobald man improvisiert, geht es nicht um gut oder schlecht oder sonst was, es geht einfach drum `jetzt ist alles richtig´. Also ich kann ja nicht sagen, der spielt jetzt blöd oder so, ich kann nur sagen, jetzt ist es so und so und damit geh ich um.“

CLH: „Ist das etwas, was das Publikum auch mitbekommt?“

IK: „Kommt drauf an. Also ich glaube, ich kriege das schon oft mit.“

CLH: „Wenn du selber als Publikum unterwegs bist?“

IK: „Genau, ja. Aber ob es insgesamt und wie weit es dann rüberkommt, das kann ich nicht wirklich beurteilen.“

CLH: „Jetzt habe ich noch zwei Extrafragen und zwar: Gibt es in Wien eine spezifische Improvisationssprache oder so eine Art Improvisationsschule und wenn ja, was ist das dann für eine?“

IK: „Kann ich nicht sagen. Also es gibt einfach sehr viele unterschiedliche Herangehensweisen. Es gibt Leute, die sind vielleicht bekannter und andere unbekannt und vielleicht richtet sich das dann ein bisschen danach, vielleicht aber auch nicht.“

CLH: „Und die letzte Frage: Gibt es einen bestimmten Typ von improvisierendem Musiker, der für Wien typisch wäre?“

IK: „Wien ist natürlich sehr von der klassischen Musik geprägt. Da ist die Rolle der freien Improvisation eine Spezielle.“

CLH: „Sind dann die improvisierenden Musiker aus Wien welche, die sich dagegen behaupten?“

IK: „Ja, sage ich jetzt einfach mal. Sie müssen auch, weil wenn man da irgendwie was organisiert, konkurriert man dann sozusagen mit Mozart und den Philharmonikern.“

CLH: „Vielen Dank, Irene Kepl.“

[I herewith kindly ask you to respect the authors rights especially of the interviewed musicians and not to use it without asking our permission. Thanks for your solidarity!]

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